… oder warum man dem Kulturteil mancher Zeitung nicht trauen sollte!
Irgendwie schaffe ich es in manche Ausstellungen immer auf den buchstäblich letzten Drücker. Insbesondere, wenn diese auch noch lange liefen. So war ich am letzten Sonntag, dem letzten Tag der Ré Soupault Ausstellung in der Kunsthalle in Mannheim endlich in dieser und nahm an der letzten öffentlichen Führung teil.
Im Vorfeld hatte ich mich natürlich informiert. Ein Ausstellungsbesuch ist für mich kein singuläres Ereignis. Sich darauf vorbereiten, informieren steigert die Vorfreude… birgt aber auch das Risiko von der Ausstellung stärker enttäuscht zu sein, weil diese Vorbereitung die Erwartungen steigern.
Nun, Teil meiner Vorbereitung war auch den Artikel in der Badischen Zeitung zu lesen, der eine Rezension der Ausstellung sein wollte. Dieser dämpfte jedoch meine Erwartungen. Aber wie bei so manchem Film, der von der Kritik niedergemacht wird, kann es ja auch bei einer Ausstellung gehen. Also ging ich mit offenen Augen und mit Offenheit in die Ausstellung. Vorher überlegte ich mir, da ich meinen Fokus auf die Fotografie lege, welche Erwartungen ich habe.
Erste Befürchtungen stellen sich beim Anblick des Ausstellungskatalogs ein. In plakativen Lettern bedeckt da der Name beinah die gesamte Vorderseite des Einbands und legt sich übers Konterfei der Fotografin, die mit Sonnenbrille und Kamera in einem Meer von Schnittmustern und Modezeichnungen schwimmt, von dem eine Welle auch auf die Rückseite geschwappt ist.
Badische Zeitung am 28.02.2011
Was mir an der “Rezension” der Badischen Zeitung überhaupt nicht gefallen hat, war die Tatsache, dass der Autor schon sein Bild von der Ausstellung beim Anblick des Kataloges hat. Wohlgemerkt vom Titel! Denn hineingeschaut zu haben scheint er nicht. Sonst wüsste er, dass zwar Man Ray Erna Meta Ré nannte, aber nicht Ursprung dieses Namens war.
Nach dem Ausstellungbesuch drängte sich mir der Gedanke auf, der Autor ging widerwillig zur Ausstellung, erwartete Fotografien und nicht nur “Weiberkram” wie Mode. Und als er an der Kasse auch noch warten musste, nutze er die Zeit in der Schlange, die an der Auslage des Museumsshops vorbeiging, um sich anhand des Kataloges mach schnell ein Vorurteil zu bilden. Dies muss so schnell gegangen sein, dass er nicht die Zeit hatte, den Untertitel des Katalogs zu lesen: Bauhaus Film Mode Fotografie Literatur. Das hätte er doch mal besser getan, denn dann hätte er gemerkt, dass seine Kritik völlig am Thema der Ausstellung vorbei ging und sein Urteil der vertanen Chance nur auf seinen Erwartungen und seinem Vorurteil beruht.
Die Titelgestaltung des Katalogs finde ich übrigens sehr gelungen. Warum? Soupault hieß Ré erst nach ihrer Heirat mit Philippe Soupault. Den Rufnamen Ré erhielt sie bereits zuvor. Ré ist auf dem Titel in Schwarz gesetzt und steht so als die Konstante unter den verschieden Namen unter denen Ré Richter, Renate Green, Ré Soupault, Erna Meta Niemeyer ihre verschiedenen Karrieren vorantrieb.
Die Kritik von Herrn Fronz an der Gestaltung des Kataloges geht noch weiter, ihn stört die “Welle” von der Fotografie hin zur Mode, die sich dann auf dem Rücken fortsetzt. Herrn Fronz scheint entgangen zu sein, dass wir im europäischen Kulturkreis Bilder und Titel von links nach rechts erschließen. Somit geht der Schaffensbogen von Ré Soupault von der Mode (erst der Modejournalismus, dann die Modeschöpfung) hin zur Fotografie. Vollkommen richtig umgesetzt von Ingrid Sauer!!!
Und wie schreibt Herr Fronz, der Titel zieht sich über das Konterfei der Protagonistin? Hab ich den falschen Katalog erwischt? Hat er Fronz aus schlechter Erinnerung heraus geschrieben? Oder weiß er nicht, was Konterfei bedeutet. Jedenfalls ist bei meinem Katalog das Gesicht von Ré Soupult auf dem Titel völlig frei von Schrift.
Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, hier wird eine Ausstellung nach dem oberflächlichen Eindruck eines Ausstellungskataloges bewertet. Schon beim ersten Lesen des Artikels hatte ich den Song Look of Love von ABC in den Ohren.
If you judge a book by the cover,
then you judge the look by the lover.
Aber endlich zurück zu den Tatsachen der Ausstellung. Teil Eins – die Bauhauszeit mit entsprechenden Exponaten und im Eingangsbereich der Ausstellung, daran schließt sich der zweite Teil der Ausstellung an. Dieser beschäftigt sich mit der Zeit bei Sport im Bild. Beide Bereiche teilen sich den ersten Raum der Ausstellung. Und in diesem zweiten Teil ist auch der Laufsteg untergebracht, den Herr Fronz mit vielen Worten beschreibt, der aber tatsächlich einmal gerade so um die 4 Meter lang war.
Der Parcours gerät über weite Strecken zum Laufsteg, auf dem Damen im Chic vergangener Tage in Gestalt von zu Lebensgröße aufgeblasenen und auf Glasscheiben applizierten Modezeichnungen an uns vorüberziehen. Und uns werden detaillierte Informationen aufgeladen, nach denen wir nun wirklich nicht lechzten.
Badische Zeitung am 28.02.2011
Herr Fronz weiß auch ganz genau, nach welchen Informationen die Ausstellungsbesucher lechzen? Oder warum spricht er im Plural? Mich interessiert es sehr wohl, welchen Einfluss ein Künstler auf seine Zeit hatte und welche Einflüsse von anderen in sein Werk spielen. Erst dieser Überblick zeigt die Bedeutung eines Künstlers. Kurzer Sprung in die Wissenschaft. Doktoranden sollen in ihren Doktorarbeiten ihre Quellen angeben, damit die sie beurteilenden Kollegen wissen, wie sie zu dem Schluss kommen und somit die eigene Leistung der Doktoranden beurteilbar ist. Tun sie das nicht spricht man vom Plagiat. Auch Künstler beklagen zuweilen das Plagiat. Und deshalb ist es legitim und geradezu notwendig, wenn in einer Ausstellung, die ja auch einen wissenschaftlichen Anspruch hat, auf solche Einflüsse verwiesen wird.
Während der Autor sich aber von der Mode, die offensichtlich nicht sein Ding ist, blenden lies, übersah er die dem Laufsteg gegenüber ausgestellten Fotografien. Denn er entdeckte die ersten Fotografien erst im 3. Raum der Ausstellung. Was aber nicht verwundert, kündigte der Katalog doch im Untertitel schon die Reihenfolge an. Und dort belegt die Fotografie nun einmal die vierte Stelle.
Überhaupt scheint es dem Autor nicht zu passen, dass die Ausstellung chronologisch aufgebaut ist. Das ist ihm zu bieder. Erwartet er etwas revolutionäres? Etwa Punkt? Es ist keine Vivienne Westwood Ausstellung. Klar die Badische Zeitung ist keinstenfalls bieder. Stammt sie doch aus einem Bundesland, dass als erstes von Grün-Rot regiert wird und innovativ wie sie ist, heißt sie es auch gut. Sie hat ein innovatives, frisches, ja modernes Layout und die Konzeption sucht ihres Gleichen. Nee – das war eine andere Zeitung!!! Die Badische Zeitung ist so bieder, wie viele andere Zeitungen auch. Strikte Resorttrennung – Reihenfolge Politik – Lokales – Sport. Halt durch und durch bieder!
Kein Wort in dem Artikel
über die meiner Meinung nach absolut gelungene Konzeption des Teiles über die Aufnahmen des Quartier réservé. Um die Enge, das eigentlich Voyeuristische dieser Aufnahmen zu demonstrieren, wurden diese hinter Schlitzen ausgestellt.
Ré Soupault lebte in der Vor-Facebook-Ära. Und doch gelang es den Ausstellungsmachern ihr soziales Netzwerk der Künstler und Intellektuellen gekonnt darzustellen.
Dem Titel der Ausstellung Ré Soupault – Künstlerin im Zentrum der Avantgarde wurde die Ausstellung völlig gerecht. Herr Fronz wähnte sich aber offensichtlich in der Ausstellung Ré Soupault – Fotografin und ihr komplettes Werk. Vertan hat also hier nur einer eine Chance, nämlich Herr Fronz eine Rezension zu schreiben, die der Ausstellung, die er besuchte gerecht wurde. Unter einem Aufsatz in der Güte wäre es in der Schule sicher legitim, den Satz zu finden: “Thema verfehlt”.
Die Ausstellung war sehr gut gemacht und machte Freude und zeigte einen breiten Überblick über das Schaffen von Rè Soupault, die eine vielseitige Künstlerin war und nicht nur eine große Fotografin. So ist den Ausstellungsmachern und der Kunsthalle Mannheim zu danken und der Ausstellung in Regensburg viel Erfolg zu wünschen!
Der Katalog
Kunsthalle Mannheim